Ein Hoch auf die Bergamotte

Als ich kürzlich auf dem Wochenmarkt in Nordenham, bei Bio-Heike frische Bergamotten sah, erinnerte ich mich daran, vor geraumer Zeit, auf einen älteren Artikel zu dieser Frucht im WWW gestoßen zu sein.
Außer der Tatsache, das diese, in unseren Gefilden selten zu findende Zitrusfrucht dem Earl Grey Tee seine spezielle Note verleiht, wußte ich quasi gar nichts darüber.
Ich habe nicht vor hier lange Abhandlungen über die Bergamotte zu verfassen, das haben unzählige vor mir getan und dem geneigten Leser dieser Zeilen steht es frei, sich an anderer Stelle ausgiebig darüber zu informieren.
Z.B. hier auf MIXOLOGY!

Ich habe mir ein paar Bergamotten gekauft und die Versicherung erhalten, das sie gerade Saison haben und ich in den nächsten Wochen noch welche bekommen könnte.
Meine Bergamotten waren gelb, recht glatt und sahen aus wie Zitronen.
Im Internet sieht man oft Fotos von grünen, sehr runzeligen Vertretern dieser Frucht, die aber fast komplett zu Öl verarbeitet werden und aus diesem Grund nahezu unerhältlich sind.
Das es sich bei meinem Einkauf tatsächlich um Bergamotten handelte, verriet mir der intensive Geruch, der einem durch oben genannten Tee bekannt sein sollte.

Was sollte ich nun damit anfangen?

Den Inhalt der erwähnten Artikel hatte ich schon weitestgehend vergessen, da mein Gehirn unter anderem auch gut zum Feinstrainen von Cocktails zu gebrauchen wäre, kurz um, es ist ein Sieb.

Zum nochmaligen Recherchieren war ich schlicht zu faul, nicht aber zur Tat!

Eine der Bergamotten presste ich auf der Stelle aus und machte mir einen leckeren, aber ungewöhnlichen GIN SOUR daraus.
Übliches Mischungsverhältnis 5-6 cl Spirituose, 3 cl frischer Saft und 2 cl Zuckersirup.

Ein Knaller, wesentlich vielschichtiger als ein gewöhnlicher, auf Zitrone basierender Sour.
Man möchte gleich noch einen hinterher.
Das Aroma des Saftes harmoniert wunderbar mit dem Gin und seinen Botanicals.

Schade nur, das es die Bergamotte nicht das ganze Jahr über zu kaufen gibt.

Da ich von den extrem intensiven ätherischen Ölen in der Schale wusste, entschloss ich mich kurzer Hand, ein Oleo Saccarum (s.u.) daraus zu machen.

Das Oleo Saccarum wiederum habe ich spontan in ein Bergamotte Cordial verwandelt, um gut gekühlt, auch von dem Saft zumindest ein paar Wochen etwas zu haben.
Jedem bekannt sollte zumindest Limetten Cordial sein, es ist fast in jedem Supermarkt als Rose’s Lime Juice zu finden.

Was fällt mir zuerst bei Rose’s Lime Juice ein?

Der wunderbare und einfachst zu mixende Drink aus Ur Ur Grossvaters Zeiten, dem Gimlet.
Zwei Zutaten, Gin und Lime Cordial, zu gleichen Teilen gemischt.
Soweit das Original.

Das war einer der ersten Drinks, die ich mir zu hause mixte, nachdem der allseits beliebte Don mein Interesse an Mixed-Drinks geweckt hatte, aber noch kein einziges Bar-Buch mein Eigen nannte und mir meine Inspirationen auf Cocktail Wiki suchte.

 

Bergamotten Gimlet
6 cl Tanqueray Dry Gin
2-3 cl Bergamotten Cordial
Beide Zutaten auf Eis rühren, in eine gekühlte Cocktail Schale abseihen und straight up servieren.
Auf Deko kann verzichtet werden.

Der Unterschied zwischen dem Bergamotten Gimlet und einem normalen Gimlet ist gewaltig, denn schon wenn man den Drink zum Mund führt, steigt der Duft, der im Cordial befindlichen ätherischen Öle, direkt in die Nase.
Auf der Zunge setzt sich der Eindruck fort, verschmolzen mit dem Wacholder des Gins.
Am Ende hat man einen lang anhaltenden, „warmen“ und fruchtig-kräuterigen Abgang, der bis zum nächsten Schluck vorhält.
Einmalig!
Lange nicht getrunken, aber solange die Bergamotte Saison hat, werde ich nicht viel rumhampeln müssen, wenn ich Durst habe.
Es ist Gimlet Time!!!

Das Gimlet Foto entstand am Wochenende im Harz.
Mangels Eisfachs oder Eiswürfeln, habe ich einfach einen Premix in eine Flasche gefüllte und im wahrsten Sinne des Wortes ein paar Stunden auf Eis gelegt.

OLEO SACCARUM
Einfache Herstellung ohne Benutzung von Spezialgerät wie Sous Vide Garern oder super-duper Vakuum-Speculum-Rotationsverdampferbrimburium, das kein Normalverdiener sein Eigen nennt.

Mit einem Sparschäler die obere Schale von mehreren Bergamotten so dünn wie möglich, in langen Spiralen abschälen und in den unteren Bereich eines „Marmeladenglases“ hinein kringeln.
Etwas Zucker dazu und das Ganze mit einem Stößel gut durch muddeln.
Nun mit so viel Zucker auffüllen, bis die Schalen (Zesten) komplett bedeckt sind.
Deckel drauf und 2 Tage stehen lassen.
In dieser Zeit hat der Zucker den Schalen seine Öle entzogen und der Zucker im Glas sollte damit durchzogen und feucht sein.
Fertig!

Das funktioniert übrigens mit jeder Zitrusfrucht.
Nicht vergessen, es müssen unbehandelte Früchte sein, am besten bio!

Man kann es vielfältig verwenden, z.B. zum Backen, zum mixen von Limonaden oder ähnlichem.
Zur direkten Verwendung in Cocktails ist der Geschmack allerdings fast zu intensiv.

 

BERGAMOTTEN CORDIAL
Den Inhalt des Oleo Saccarum Glases mit warmen Wasser füllen, bis der Zucker gerade bedeckt ist.
Durch Rühren oder Schütteln den Zucker auflösen.
Die Menge an Flüssigkeit reicht nicht ganz, so das noch etwas Zucker zurück bleibt.
Nun den gesiebten Saft von der hälfte der geschälten Bergamotten dazu geben und kräftig schütteln, bis alles komplett gelöst ist, die Schalen entfernen und kalt stellen.
Das Resultat solte eine dünne, sirupartige Konsistenz aufweisen und süß-säuerlich schmecken.
Wer Rose’s Lime Juice kennt, weiß was ich meine.

Egal, welche Früchte verwendet werden, es ist 1000 Mal besser als jedes gekaufte Cordial.

Sämtliche hier erwähnte Rezepte bedürfen bei Nachahmung oder Wiederholung, eines Feintunings,
je nach dem, wie viel Zucker Ihr verwendet, hinzu kommt, das jede Frucht unterschiedlich ist, an Ölen, Säuren oder Geschmack.
Es sollte deutlich, aber nicht zu intensiv nach den Ölen schmecken und nicht zu sauer sein.
Das Oleo, wie auch das Cordial sind halt kein Industrie Produkt, das immer identisch daher kommt.
Ich finde das macht aber gerade den Charme aus, an Selbstgemachtem.

Nun schnell zum Wochenmarkt oder dem Obsthändler des Vertrauens und einkaufen, bevor die Saison der Bergamotte am verehrten Leser vorbeigezogen ist.
Nicht Lesen ist in diesem Falle das Vergnügen, sondern das Gelesene umzusetzen und zu guter Letzt einen formidablen Drink zu genießen!

Cheers!!!

raul duke

Raul Duke ist soeben aus Las Vegas zurück. Jetlag und Hangover sind ihm unbekannt. Er stand selber schon hinter dem Tresen der Mprezz. Spricht schneller (und mehr), als Dieter Thomas Heck. Hobbys: Wertvolle Glasware vom Tresen fegen. ;-) Aber hallo...

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